N-Wort

geschrieben von skeltem | 20 Jul, 2006
In meinem ersten Proseminar in Allgemeiner Religionsgeschichte lasen wir einen Text aus den Sechziger Jahren, der sich mit der „Nation of Islam“ und deren Rolle bei den Rassenunruhen Anfang der Sechziger befasste. Vor allem aber ging es um Neger.Jedes Mal, wenn in dem Text das Wort auftauchte, zuckte ich innerlich zusammen. Also ungefähr 423 mal. Das war Anfang der Neunziger, ich war kaum der Provinz entronnen und ich habe keine Ahnung, woher meine political correctness stammte. Aber es störte mich gewaltig, dass schwarze und farbige Amerikaner als „Neger“ bezeichnet wurden. Der Autor, ein anerkannter Religionswissenschaftler, hatte bestimmt keine Herabsetzung im Sinn. Aber bei mir löste das Wort schlimme Assoziationen von „primitiven Negersklaven“ aus.


Dabei ist „negro“ noch eine der netteren Bezeichnung für Afroamerikaner. Aus der schlechten alten Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg kommt die Bezeichnung „Nigger“, ein Wort der Sklavenhalter, das die Gleichsetzung der Sklaven mit Waren beinhaltet. In den USA ist jetzt ein Kulturkampf entbrannt, bei dem es darum geht, ob Nigger auch im positiven Sinne benutzt werden darf.


Allerdings haben Kultur und Kommerz schon lange Tatsachen geschaffen. Mit dem Aufkommen und dem ungeahnten Erfolg der Hip-Hop Musik ist es unter den schwarzen Jugendlichen cool geworden sich gegenseitig als „Nigga“ zu bezeichnen, wie es in Deutschland für manche türkisch stämmigen Rapper Usus ist, sich „Kanacken“ zu nennen. Und wer erinnert sich nicht an die Szene aus „Pulp Fiction“, als der Gangesterboss Marcellus Wallace den Boxer Butch fragte, ob er sein Nigger sei. Der schwarze Regisseur Spike Lee hat mitgezählt. „Nigger“ wird in Pulp Ficton 36 mal benutzt, klagt er. Er sage es auch manchmal, aber nicht so oft, erzählt er weiter und vermutet, dass Tarantino anstrebe, ein „Schwarzer ehrenhalber“ zu werden. Tatsache ist, dass „Nigga“ mittlerweile ein Teil der Jugendkultur ist.


Nicht alle Schwarze sind glücklich mit der Entwicklung. Viele Künstler, Journalisten, Bürgerrechtler und Politiker sehen in dem Gebrauch der alten Sklavenhaltervokabel ein Anzeichen für einen latenten Selbsthass der schwarzen Jugendlichen. Die Zuordnung des Schimpfwortes zu einer bestimmte Jugendkultur kann skurrile Formen annehmen. So gab es einen Prozess gegen einen weißen New Yorker, der einen schwarzen Jugendlichen mit einem Baseballschläger angegriffen hat, als der ihn „Nigger“ genannt hatte. Während der Verhandlung wurde erörtert, ob der Angreifer ein Teil der HipHop-Szene sei, dann wäre es ein rassistisches Verbrechen. Wenn nicht, wäre es Körperverletzung aufgrund einer Beleidigung gewesen. Als Experten traten unter anderem ein schwarzer Musikproduzent in dem Prozess auf. Der schwarze Rapper Tupac Shakur hatte es einmal so zusammengefasst, dass „Nigger“ Schwarze mir Sklavenketten seien, wohingegen „Nigga“ Schwarze mit Goldketten.


Soviel Sophisterei hätte ich dem HipHop gar nicht zugetraut. Ich kann verstehen, wenn die schwarzen Jugendlichen ideologischen Ballast abwerfen wollen, der überhaupt nichts mehr mit ihnen zu tun hat. Aber es ist ja nicht so, dass es mittlerweile in den USA Gleichsetzung zwischen Schwarz und Weiß gebe. Die Helden des HipHop sind ja sogar stolz darauf, aus dem „Ghetto“ zu kommen, in das sie die Benachteiligung der Schwarzen geschickt hat. Dass die Milliarden Dollar schwere HipHop-Industrie nicht als Kämpfer für mehr schwarzes Selbstbewusstsein erweist, ist ja zu erwarten. Ich bin nur verwundert, wie sich Menschen wie der Harvard-Professor Randall Kennedy für eine Neubewertung der Hass-Vokabel einsetzen können. Ich sehe einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Sklavenhalterwort und einer Sklavenhaltermentalität.


Die Ästhetik der HipHop-Videos zumindest ist angelehnt an das Bild der Schwarzen als „körperliche“ Menschen (und damit intellektuell nicht ganz für voll zu nehmen). Bilder wie halbnackte Schwarze Männer und „willige“ schwarze Frauen („Bitches“), wie sie von den Videos vermittelt werden, gibt es auch aus dem 19. Jahrhundert, als die Schwarzen noch Eigentum der „Massas“ waren. Der Schwarze Journalist Cobb hat sich übrigens gefragt, warum nicht auch Schimpfworte gegen die Weißen in Mode gekommen sind, wie „kike“ oder „Cracker“. Er beantwortet seine Frage selber: „Massa erlaubt es nicht.“


Morgen gibt es eine weitere Miszelle zu dem N-Wort Thema. Dann sehe ich in die Zukunft, wie auch in Deutschland das N-Wort neu bewertet wird.


2 Kommentare und 0 Trackbacks zu "N-Wort"


    Testing

    Hellosqb - this is just a testing, dont worry about it

    geschrieben von Testerjyl am 16 Jun 2007, 04:23

 

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