Anti

geschrieben von skeltem | 20 Jun, 2006
Wie ich fast reich geworden wäre (und der Papst und die WM alles kaputt gemacht haben).Kürzlich stieß ich bei der Lektüre gewisser Internet-Seiten zu Online-Spielen auf ein interessantes Phänomen. Anscheinend haben Firmen professionelle Forenjubler angeheuert, um ihr Produkt direkt bei der Zielgruppe zu bewerben. Diese Tarnkappenfans tun so als wollten sie der Community einen Gefallen tun und auf ein tolles Spiel hinweisen. Der englische Fachausdruck für diese Leute lautet „Shill“ Die Shills sind einfach zu erkennen. Ihre Beiträge spielen sich meist auf dem Niveau „Das Bäste Spiehl eva!!!1112233“ ab. Dass das „Bäste“ Spiel meistens von allen denkenden Wesen eher in die Kategorie „Computervirus mit graphischer Oberfläche“ eingeordnet wird, muss die Shiller ja nicht interessieren, da sie zu dem Produkt eh keine Beziehung haben. Aber irgendwie muss irgendwer ja glauben, mit dieser durchsichtigen Masche könne man Leute anlocken.

Das brachte mich ins Grübeln. Es gibt bestimmt Agenturen, die sich diskret im Internet umschauen und Leute suchen, die alles, wirklich alles für Geld machen. Aber die Masche ist so dumm, dass selbst ein Marketing-Mensch nach maximal 5 Jahren darauf kommt, dass es nicht genug Lobotomisierte im Netz gibt, damit sich das Shilling lohnt. Also hat das Marketing 2 Möglichkeiten: a) sie werden raffinierter und stellen Leute ein, die subtiler die zarten Pflänzchen des keimenden Hypes pflanzen oder b) sie machen genau das Gegenteil der bisherigen Kampagne, stecken dafür aber das doppelte an Kohle in die Werbung, der Kunde zahlt es ja. Da Möglichkeit a) völlig ausgeschlossen ist, wartet da viel Geld auf diejenigen mit der richtigen Idee.

Ihr kennt bestimmt diesen Brüller, wie man sich das Paradies und die Hölle vorstelle. Da sind dann die Franzosen die Köche im Paradies, aber die Bankiers in der Hölle und das dann für ein paar Nationen. Eigentlich muss man ja vorsichtig sein, wenn man ganzen Nationen Eigenschaften zuspricht. Im allgemeinen sagen die Vorurteile mehr über den aus, der sie hat als über den Gegenstand des Vorurteils.

Trotzdem. Hierzulande kommt immer mal wieder das Wort von der „Leidkultur“ auf. Und womit? Mit Recht! Niemand leidet, jammert und greint so wie wir Deutschen. Das Glas ist nicht halb voll oder leer: es ist schmutzig und mir gefällt die Form nicht. Sowieso. Früher, ja früher hatten wir Gläser. Das sag ich euch: GLÄSER! Nicht den Mist, den sie heute haben.

Da setzte dann meine geniale Idee ein: ich gründe eine Agentur und nenne sie „German Whine“. Ich stelle die schlimmsten Nörgler und Meckerer ein, die ich finde. Leute, die an einem Millionengewinn im Lotto etwas schlechtes fänden. Die aus Prinzip schon keinen Spaß habe. Die Créme de la Créme der Hater. Wenn dann eine Firma ein neues Produkt herausbringen will, kann mich die Konkurrenz mieten. Wir machen dann Anti-Shill. Wir überfluten das Internet mit der Botschaft „This sux!“ Da kann die Software das Beste sein, was man sich vorstellen kann. Und dazu noch Kaffe kochen. „German Whine“ wird einen Fehler finden. Wenn wir unsere Herrschaft des Terrors über die Netzgemeinde ausgebreitet haben und die letzten Fans unter der ätzenden Macht unserer Negativität zusammengebrochen sind, werden wir Geld dafür nehmen, dass wir nichts sagen. „Wäre doch schade um Ihr neues Betriebssystem, Mr. Ballmer. Aber schlechte Presse kriegt man sooo schwer wieder weg.“ (manisches Lachen denken)

Und? Was ist? Nix is. Auf einmal ist WM und alle sind froh und gut gelaunt. Aber das Verhängnis scheint tiefer zu gehen. Die Wirtschaftsdaten deuten seit Jahren mal wieder einen leichten Optimismus an. Bücher, die sich positiv mit uns beschäftigen, sind plötzlich auf der Bestseller-Liste. Florian Langenscheid, der Optimismus-Mosi in der SZ. Wir sind Papst! Wir sind Deutschland! Ach, es ist ein Elend.

Ich hoffe, dass wir bald wieder zu alter Form auflaufen. Falls wir Deutschen plötzlich zu einer Nation wie alle anderen werden, habe ich aber schon einen Plan B. Ich plane Deutschland-Fahnen, die beim Schwenken fröhliches Kinderlachen erzeugen. Das wird der Renner. Damit bediene ich nicht nur die wachsende Nachfrage nach Fahnen. Ich sorge auch für die Lust nach Vermehrung. Wenn wir schon wieder wer sind, müssen wir auch wieder mehr werden. Ich muss jetzt leider Schluss machen. Ich habe ein Meeting mit Frau von der Leyen.


3 Kommentare und 0 Trackbacks zu "Anti"


    Negitivität? NEGITIVITÄT? This sux.

    geschrieben von W. Ein am 13 Dez 2001, 21:58

    der beste wo du bisher geschriben tun hast !!!111111

    geschrieben von Peter Shilling am 20 Jun 2006, 15:01

    hihi. sehr lustige idee.

    geschrieben von luchs am 21 Jun 2006, 23:47

 

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