Kadaver

geschrieben von skeltem | 15 Jun, 2006

„Happy Kadaver“ wünschten wir uns in der Schule vor Fronleichnam und freuten uns über einen freien Donnerstag. Wenn ich damals nicht so ignorant gewesen wäre, hätte ich erkannt, dass Fronleichnam mein Festtag ist.

Dazu muss ich natürlich erwähnen, dass ich in den späten 80ern ein so genannter „Waver“ war. Heute sagt man wohl Gothic zu den Leuten, die überwiegend in schwarz rumlaufen, unaussprechliche Dinge mit ihren Haaren anstellen, Depri-Mucke hören und von ihren Kollegen erschossen werden, wenn eine Emotion (außer allgemeiner Verachtung) über ihr weiß geschminktes Gesicht huscht. Ach, was waren das für Zeiten! Im „Old Daddy“ zu Joy Division oder The Cure stundenlang vor und zurück über die Tanzfläche schleichen. Oder Friedhöfe besuchen. Nachts. Ich glaube, wir waren ziemliche Poser. Außer, dass wir uns ein bisschen gegruselt haben oder mal ein Joint die Runde machte, kamen wir uns ziemlich albern vor. Wir hatten das mit den Friedhöfen wohl nicht richtig verstanden. Aber egal. Es war cool und wir waren cool. Und wir konnten auf die ganzen Leute herabsehen, die nicht so cool waren wie wir. Also alle.

Ah, wo war ich? Fronleichnam, richtig. Wenn ich damals gewusst hätte, das Fronleichnam das Fest des Blutes ist, hätten wir uns bestimmt ein cooles Ritual ausgedacht, um das Blutfest zu begehen. So was wie roten Genever gemischt mit Schweineblut trinken oder so was. Ich sage hier nichts gegen die christliche Kirche. Denn wenn man bedenkt, was sie heute Feiern, muss man schon sagen: Christen sind die Härtesten. Die genaue Bezeichnung Fronleichnams in der Kirchensprache ist: „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“.

Wer im groben Dunstkreis der christlichen Religion aufgewachsen ist, wie wohl die meisten hier, dem wird der Begriff des Abendmahls oder der Kommunion ein Begriff sein. Da ihr alle gut im Religionsunterricht aufgepasst habt (und nicht Liebesbriefe geschrieben oder Skat gespielt habt wie gewisse andere Schüler :P), wisst ihr was da so abläuft. Was mich als Ex-Katholiken dabei immer angemacht hat war das Wort „Transsubstantion“. Transsubstantion, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ich fand das Wort so klasse. Aber die die Idee, dass sich so ein Obladen und Wein in meinem Mund in Fleisch und Blut verwandeln und alle Christen jedes Mal, wenn sie zum Abendmahls mal gehen wirklich Jesus naschen hat mich ziemlich abgeschreckt. Ich bin dann auch nie zum katholischen Initiationsritus, genannt „Erstkommunion“ gegangen.

Anyway, bei allen kulinarischen Vorbehalten gegen Theophagie muss auch ein Außen stehender zugeben, dass der Gedanke an ein Wunder bei jeder Messe stattfindet beeindruckend ist. Und wenn man ihn isst und sein Blut trinkt, ist einem so ein Gott auch irgendwie näher als wenn er jetzt in, sagen wir, Wolkenkuckusheim wohnt und nur einmal im Jahr an deinem Geburtstag vorbei schaut. Wenn er es nicht wieder vergisst.

Unsere katholischen Mitmenschen sind so begeistert von ihrem Wunder, dass sie es allen zeigen wollen auch den Ketzern und besonders den Protestanten. Deshalb bilden sie zu Fronleichnam eine Art katholische Love Parade, die sogenannten Prozessionen und prozessieren durch die Gegend. Dabei haben sie u.a. eine frisch transsubstantiierte Hostie rufen fröhlich „Up yours!“ Ob die Hostie am Ende gegessen wird (Prozessieren mach hungrig) habe ich allerdings jetzt nicht herausgefunden.

Einen drolligen Brauch beschreibt die Wiki: aus der Schweiz. Da bringen die Bauern in Dörfern, wo Katholiken und Protestanten nebeneinander wohnen zu Fronleichnam ihren Mist aufs Feld. Karfreitag ist es dann umgekehrt. Glückliche Schweiz, da werden religiöse Konflikte mit Mist geregelt und nicht mit Sprengstoffgürteln.

Die Aufgeklärten, Preußen und Protestanten unter euch finden das bestimmt im höchsten Maße albern. Aber ich denke die Katholiken haben einen Punkt. Die Verehrung von Fetischen zieht sich wie ein roter Faden durch alle menschlichen Gesellschaften. Online-Rollenspieler wissen das ebenso gut wie Musik- oder Autoliebhaber. Und was anderes als ein Hostienwunder ist es, wenn wieder einmal Elvis' Kopf auf einem Pfannkuchen erscheint?

In diesem Sinne: Happy Kadaver!


PS: Den nächsten Eintrag gibt es erst wieder Montag, da ich am Wochenende in Süd Norddeutschland bin.


4 Kommentare und 0 Trackbacks zu "Kadaver"


    grosses kino! noch einmal korrekturlesen und an eine wochenzeitung als kolumne schicken!
    weiter so!
    [hier klatsch-smiley einfügen]

    geschrieben von Kent am 15 Jun 2006, 13:32

    Fronleichnam

    Fronleichnam hieß bei uns immer "Happy Lich Day".

    geschrieben von Heretikeen am 15 Jun 2006, 22:15

    netter beitrag. da mir allerdings komplett der eigene bezug zu religion oder auch nur religionsunterricht fehlt, bin ich nicht ganz so entbrannt wie kent. ich warte also mit meiner forderung nach einer veröffentlichung in den printmedien auf den nächste geeignete miszelle.

    geschrieben von tombs am 16 Jun 2006, 13:35

    *rotwerd*

    Danke Kent, jetzt muss ich erst mal wieder schrumpfen, damit mir meine Sachen wieder passen.
    Aber wegschicken werde ich (vielleicht) erst etwas, wenn ich mehr Miszellen habe und das Niveau wirklich meinen Vorstellungen entspricht. Ich merke doch, wie eingerostet ich bin.

    geschrieben von Skeltem am 19 Jun 2006, 12:19

 

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